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BellevueDie Geschichte eines Berliner SalonsEntlang der Bahnlinie Paris-Moskau lag im Parterre eines
der wenigen erhaltenen Bürgerhäuser des alten Hansa-Viertels das Salon-Theater Bellevue. Das Hansa-Viertel war in seiner Blütezeit um 1900 eine
der besten Wohnlagen Berlins – mitten im Grünen, und doch zentral in der City.
Von den Bomben des 2. Weltkriegs wurden nur 20 Häuser des Prachtviertels
verschont. In einem davon befand sich das Bellevue. Das Haus strahlte einen leicht morbiden Charme aus. In
der ursprünglichen wilhelminischen Fassade sah man noch die Einschusslöcher aus
den letzten Tagen der Schlacht um Berlin. Im selben Haus wohnte als junger Mann zur Untermiete der
Student Wladimir Iljitsch Lenin. In der Strasse wohnte eine ganze Reihe von
(Un)berühmtheiten jeglicher Couleur. Von der Synagoge am westlichen Ende zeugt nur noch eine
unscheinbare Gedenktafel. Liza Minelli dienten: „Willkommen,
bienvenue, welcome – im Bellevue, im Bellevue, im Bellevue!“ Das Bellevue
präsentierte an fast allen Abenden der Woche ganzjährig unkonventionelle
Abendunterhaltung mit exzellenten Künstlern aus aller Welt: Kabarett, Theater,
Liederabende, Tanz und Kammerkonzerte. Am Wochenende gab es um 16.00 Uhr Kindertheater:
Puppenspiel, Marionetten-Theater, Schatten-Theater – meistens basierend auf den
Märchenklassikern. Anläßlich 15 Jahren Präsenz in Berlin wurde 2004 ein
ungewöhnlicher Berlin-Abend mit der Interpretin Eva Meier, Hongkong/Berlin,
begleitet von dem brillianten jungen Pianisten Paul Cibis, London, arrangiert: „L´Heure Bleue“. Der Abend liess für
zwei Stunden die Atmosphäre der Kleinkunst-Bühnen des Berlins der 20- er bis
40- er Jahre zu neuem Leben erwachen – in oftmals erschreckend aktuellen Liedtexten
mit Musik von Spolianski und Hollaender – entstanden vor der Emigration und
während der Emigration aus Deutschland, ausserdem mit Texten von Ivan Goll,
Sarah Kirsch, Enzensberger und Wondraschek, die Peer Raben, der die Musik zu den meisten Fassbinder-Filmen
schrieb, eigens für Eva Meier vertont hatte. So individuell wie „L´Heure
Bleue“ war die ganze Institution Bellevue,
die etwas erahnen liess von den musikalischen und literarischen Salons Berlins
der letzten beiden Jahrhunderte. Die Mischung aus Literatur und Musik, gewürzt
mit einem Hauch von „Bohéme“ und „Laissez Faire“ zog interessante Künstler wie
Gäste aus aller Welt magisch an.
Vor dem Haus wurden Filmszenen gedreht (Senta Berger fand
den Milchcafé „einfach himmlisch“), und auch im Bellevue selbst wurde gefilmt,
u.a. unter der Regie von Derek Jarman. 50. mal tagte der „Berliner Geschichtsalon“, eine Gruppe
von Historikern der Freien Universität Berlin, der Humboldt-Universität und der
Universität Leipzig – allesamt Chaos-Forscher und Katastrophisten im Bellevue. Auch ausländische Vertretungen fanden die Atmosphäre
charmant, die argentinische Botschaft förderte Tango-Chansonabende, die
indische Botschaft Kunstausstellungen und die Belgier in Berlin kamen zum Belgischen Clubabend mit
kulinarischen Genüssen, während ein französischer Club lieber Politik
diskutierte. Die Berliner SPD mietete die Galerie für ein eigenes
Politkabaret und die FDP für Wahlkampfauftritte von Guido Westerwelle. Sogar
das Finanzamt war Gast: in Form des politischen Kabaretts “Die Prioritäter”, gegründet
und geleitet von Finanzbeamten, die nach
den Berlin Premieren auf Deutschlandgastspielreise gingen. Die Prioritäter
waren so bissig –kritisch (und daher immer ausverkauft), dass sie
einmal von höchster Stelle Tourneeverbot bekamen. Leider war die gerichtliche
Verfügung erst rechtswirksam einen Tag nach Ende der Tournee. Wissende
Stammgäste, darunter Politiker und Diplomaten, gaben dem intimen Rahmen des Bellevue oft den Vorzug gegenüber dem
oft sterilen Rahmen der Räume der 5 – Sterne – Hotels. Das Salontheater selbst war ein Sprungbrett für junge,
noch nicht so bekannte, aber vielversprechende Künstler. Die Gruppe
„Rosenstolz“, nun avanciert zu deutschen Superstars, hatte ebenso wie die „17
Hippies“ ihre ersten Auftritte im Bellevue und wurden dort entdeckt. Die
unvergessene Evelyn Künnecke machte das Bellevue für anderthalb Jahre zu ihrem
neuen „Stammquartier“ und hatte dort ihr letztes öffentliches Konzert. Der Gründer des Bellevue, Andreas Weigelt, hatte die
Räume kurz vor der Öffnung der Berliner Mauer als Probenräume für Theater und Tanz
gemietet. Kurz zuvor hatte der Fulbright-Stipendiat sein Studium der
Theaterwissenschaften und Regie am Experimental Theatre Wing der New York
University abgeschlossen, sich als neue Wahlheimat Berlin erkoren, und gleich
eine Anzahl Klassenkameradinnen mitgebracht. Von denen blieb Gail Tufts „for
good“ in der Stadt und macht seither Furore im „Tippi“ der Bar jeder Vernunft. Dr. Maria Ley-Piscator, die Witwe des Theaterregisseurs
Erwin Piscator, selbst Tänzerin Tatsächlich entstanden die bahnbrechenden
Theaterexperimente des „Living Theatre“ erst einmal im Wohnzimmer, in diesem
Falle war es in der großen Wohnung des verstorbenen Theatergründers Julian Beck
in der Upper West-Side New Yorks. Noch eine New Yorker Institution hatte ihren
Anbeginn im Wohnzimmer: Das große „La Mama“ wurde geboren im Wohnzimmer seiner
Begründerin Ellen Stuart. Auch sie und ihre Arbeit inspirierten den Gründer in
Berlin. Das „Wohnzimmer“- Konzept war für das Berliner Bellevue
naheliegend. Auch hier wurden Ideen geschmiedet und Projekte entwickelt, die
weit über den Rahmen der ursprünglichen Räumlichkeiten hinausgingen und oft
über Kooperationen verwirklicht wurden, z.B. in der Anfangszeit mit der
Akademie der Künste zu Berlin, mit dem
Haus der Kulturen der Welt, dem Museum für Indische Kunst, dem Ethnologischen
Museum oder den Asien-Pazifik-Wochen, veranstaltet durch die Senatskanzlei. Zum 10-jährigen Jubiläum verlieh der Bezirk Tiergarten
dem Bellevue-Gründer die silberne Ehrennadel für besondere Verdienste im
kulturellen Bereich. In den Jahren davor ward diese Ehre der Gründerin des
Tempodroms und dem Gründer des Grips-Theaters zu Teil. Außer nach New
York gab und gibt es Kontakte und regen Austausch mit St. Petersburg und Moskau
in Russland und mit Süd-Asien: Indien, Sri Lanka, aber auch China – sowohl
„Mainland China“ als auch Taiwan. Tatsächlich existiert die „China –
Connection“ schon seit dem Gründungsjahr 1989 bzw. seit dem Studium des
Gründers in New York. Die beiden
Schwestern Hsien-Chen und Shen-Chen Chang aus Taipei waren aktiv an der
Gründung des Bellevue mitbeteiligt.
Die erste arbeitet, nach einer Zeit in Hong-Kong, jetzt in Shanghai für
Film-Produktions-Gesellschaften von Sir Francis Coppola u.a.. Zu den
Filmfestspielen ist sie regelmäßig in Berlin. Die zweite ist bildende
Künstlerin, experimentiert mit „Fusion-Cuisine“
und hat gerade ein Buch über Wein publiziert. Auf einem großen Künstlerfest mit dem Motto “Shanghai –
Berlin 1920”, das in der Tiergartener Wohnung gegeben wurde, auf dem auch “Die
toten Hosen” vorbeischauten, wurde die Idee für das “Bellevue” geboren Dieses
stand zu jener Zeit noch leer, wenn man von den Frettchen absah, die dort ein
verschrobener Malernachbar züchtete. „So klein ist die Welt“ könnte man sagen, und in diesem
speziellen Mikrokosmos von Kunst + Kultur zwischen den Ländern und zwischen den
Welten spielte das kleine Bellevue
seine eigene Rolle. Die Kreise öffneten sich und schloßen sich wieder. In den
zwanzig Jahren seiner Existenz gab es eine amerikanische, eine
intellektuell-angehaucht deutsch-deutsche und eine russisch-osteuropäische
Phase. In der Stadt Berlin lag das Bellevue,
versteckt genug, um ein Geheimtipp zu bleiben zwischen den Zentren von Ost und
West. 2007 gab es die letzte Veranstaltung im Bellevue. Ein Tribut an den Komponisten Hollaender, auf Initiative
von Melody Hollaender aus Los Angeles. Der Abend war verbunden mit einem
Familientreffen der Familien Hollaender aus aller Welt. Berlins Chansonszene
ging noch einmal ein und aus mit vielen Ständchen. Danach fiel der Vorhang in
der Flensburger Straße für immer.
Im Zusammenhang mit dem Bellevue war von Anfang an auch der
gemeinnützige Verein “Bellevue e.V.” , Berlin, gegründet worden. Dieser Verein
besteht weiterhin, hat aber seinen Hauptsitz z.Z. nach Görlitz verlegt. Seit drei Jahren
arbeitet er an dem Projekt “Heimat ohne
Grenzen”. In Görlitz wird ein neuer “Heimat Salon” entstehen in
Kooperation mit dem “Schlesischen Museum” mit weiteren Initiativen in
Zgorzelec, Bautzen, Jelenia Gora, Boleslawiec und Zittau.
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Senden Sie E-Mails immer an:
AWBellevue@aol.com
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