|
|
|
|
BellevueEin Berliner Salon
Entlang der Bahnlinie Paris-Moskau liegt im Parterre eines der wenigen erhaltenen Bürgerhäuser des alten Hansa-Viertels das Salon-Theater Bellevue.
Das Hansa-Viertel war in seiner Blütezeit um 1900 eine der bevorzugtesten Wohnlagen Berlins – mitten im Grünen - und doch zentral in der City. Von den Bomben des 2. Weltkriegs wurden nur 20 Häuser des Prachtviertels verschont. In einem davon befindet sich das Bellevue. Das Haus strahlt einen leicht morbiden Charme aus. In der ursprünglichen wilhelminischen Fassade sieht man noch die Einschusslöcher aus den letzten Tagen der Schlacht um Berlin. Im Haus wohnte als junger Mann zur Untermiete der Student Wladimir Iljitsch Lenin. In der gleichen Strasse wohnte noch eine ganze Reihe von (Un)berühmtheiten jeglicher Couleur. Von der Synagoge am westlichen Ende zeugt nur noch eine unscheinbare Gedenktafel.
Das Bellevue könnte eine der Kabarett-Bühnen sein, wie sie Christopher Isherwood in seinen „Berlin-Stories“ beschrieb, die als Vorlage für das Musical „Cabaret“ mit Liza Minelli diente: „Willkommen, bienvenue, welcome – im Bellevue, im Bellevue, im Bellevue!“
Das Bellevue präsentiert an fast allen Abenden der Woche ganzjährig unkonventionelle Abendunterhaltung mit exzellenten Künstlern aus aller Welt: Kabarett, Theater, Liederabende, Tanz und Kammerkonzerte. Am Wochenende um 16.00 gibt es Kindertheater: Puppenspiel, Marionetten-Theater, Schatten-Theater – meistens basierend auf den Märchenklassikern.
Anlässlich 15jähriger Präsenz in Berlin wurde ein ungewöhnlicher Berlin-Abend mit der großartigen Interpretin Eva Meier, begleitet von dem brillanten jungen Pianisten Paul Cibis, London, arrangiert: „L´Heure Bleue“. Der Abend lässt für zwei Stunden die Atmosphäre der Kleinkunst-Bühnen des Berlin der 20er bis 40er Jahre zu neuem Leben erwachen – mit oftmals erschreckend aktuellen Liedtexten von Spolianski und Hollaender (vor der Emigration und aus der Emigration). Dazu gibt es neue Texte von Ivan Goll, Sarah Kirsch, Enzensberger und Wondraschek, die Peer Raben, der die Musik zu den meisten Fassbinder-Filmen schrieb, eigens für Eva Meier vertont hat. So individuell wie „L´Heure Bleue“ ist die ganze Institution Bellevue, die etwas erahnen lässt von den musikalischen und literarischen Salons Berlins der letzten beiden Jahrhunderte. Die Mischung aus Literatur und Musik, gewürzt mit einem Hauch von „Bohème“ und „Laissez Faire“ hat interessante Künstler wie Gäste aus aller Welt magisch angezogen.
Die Bar (auch die Toilettenwände und –türen) sind handbemalt von dem dänischen Maler Vagn Groth aus Kopenhagen – gegen Speis und (hauptsächlich) Trank. An allen Wänden hängt originale Kunst von Künstlern, die im Bellevue ausstellten oder zu Gast waren, ebenso zieren die Wände teilweise signierte Fotografien von prominenten Gästen (manche mehr, manche weniger berühmt). Zu diesen gehörte auch die Eislaufkünstlerin Katharina Witt, die im kleinen Gewölbe des Bellevue diskret in Begleitung Champagner nippte. Wim Wenders trank einen Sommer lang während der Dreharbeiten abends gerne einen Rotwein vor dem Haus und im vergangenen Jahr die Vizepräsidentin des Indischen Parlaments Cappuccino, um die letzten warmen Sonnenstrahlen des Septembers zu genießen und damit das Protokoll für ein halbes Stündchen zu unterbrechen (und die Sperrung der Strasse zu verlängern). Vor dem Haus wurden Filmszenen gedreht (Senta Berger fand den Milchcafé „einfach himmlisch“), und auch im Hause selbst wurde gefilmt, u.a. mit Derek Jarman („Yes, I was here“ steht im Gästebuch).
Auf Initiative der belgischen Botschaft hat sich, immer am letzten Mittwoch jeden Monats der „Belgische Club“ etabliert, der Belgier und Freunde Belgiens zu Kulturprogrammen und Degustationen, z.B. belgischen Bieres (davon gibt es mehrere hundert Sorten) einlädt.
Zum 40. Mal tagt (in mehrmonatigen Abständen Montags) der „Berliner Geschichtssalon“, eine Gruppe von Historikern der Freien Universität Berlin, der Humboldt-Universität und der Universität Leipzig – interessanterweise alles Chaos-Forscher und Katastrophisten.
Das Salontheater selbst ist ein Sprungbrett für junge, noch nicht so bekannte Künstler. Nur eines müssen sie sein: „Gut“! Die Gruppe „Rosenstolz“, nun avanciert zu deutschen Superstars, hatte ebenso wie die „17 Hippies“ ihre ersten Auftritte im Bellevue und wurde dort entdeckt. Die unvergessene Evelyn Künnecke machte das Bellevue für anderthalb Jahre zu ihrem neuen „Stammquartier“ und gab dort ihr letztes öffentliches Konzert.
Der Gründer des Bellevue, Andreas Weigelt, hatte die Räume kurz vor der Öffnung der Berliner Mauer als Probenraum für Theater und Tanz gemietet. Kurz zuvor hatte der Fulbright-Stipendiat sein Studium der Theaterwissenschaften und Regie am Experimental Theatre Wing der New York University abgeschlossen, sich als neue Wahlheimat Berlin erkoren, und gleich eine Anzahl Klassenkameradinnen mitgebracht. Von denen blieb Gail Tufts „for good“ in der Stadt und macht seither Furore im „Tippi“ der Bar jeder Vernunft.
Zur alten Wahlheimat New York gab es und gibt es immer noch die besten Kontakte. Die Witwe des Theaterregisseurs Erwin Piscator, Dr. Maria Ley-Piscator, selbst Tänzerin und Mitbegründerin einer Schauspielschule, aus der Schauspieler wie Marlon Brando hervorgingen, war die offizielle Schirmherrin des Bellevue. Über sie entstand eine Freundschaft zu Judith Malina, Mitbegründerin des „Living Theatre“, die persönlich mit Mitgliedern des Ensembles in den 90er Jahren im Bellevue in Vorträgen über die Arbeit des weltberühmten Aktionstheaters berichtete und den Film „Living heißt leben“ zeigte (auf einem von Rosa von Praunheim geliehenen Projektor). Living kommt aber auch von „Living Room“, was soviel heißt wie „Wohnzimmer“, oder eben: „Salon“.
Tatsächlich entstanden die bahnbrechenden Theaterexperimente des „Living Theatre“ erst einmal im Wohnzimmer, in diesem Falle war es in der großen Wohnung des verstorbenen Theatergründers Julian Beck in der Upper West-Side. Eine andere New Yorker Institution hatte ihren Anbeginn auch im Wohnzimmer: das große „La Mama“ wurde geboren im Wohnzimmer der Begründerin Ellen Stuart. Das „Wohnzimmer“- Konzept ist im Falle Bellevue also nahe liegend. Auch hier wurden Projekte entwickelt, die weit über den Rahmen der ursprünglichen Räumlichkeiten hinausgingen und über Kooperationen verwirklicht wurden, z.B. in der Anfangszeit mit der Akademie der Künste zu Berlin, mit dem Haus der Kulturen der Welt, dem Museum für Indische Kunst, dem Ethnologischen Museum oder den Asien-Pazifik-Wochen, veranstaltet durch die Senatskanzlei.
Zum 10-jährigen Jubiläum verlieh der Bezirk Tiergarten dem Bellevue-Gründer die silberne Ehrennadel für besondere Verdienste im kulturellen Bereich; in den Jahren davor wurde diese Ehre der Gründerin des Tempodroms und dem Gründer des Grips-Theaters zu Teil.
Außer nach New York gibt es Kontakte und regen Kulturaustausch mit St. Petersburg und Moskau in Russland und mit Süd-Asien, insbesondere mit Indien, Sri Lanka, aber auch China – sowohl mit dem „Mainland China“ als auch mit Taiwan. Tatsächlich existiert die „China–Connection“ schon seit dem Gründungsjahr 1989 bzw. seit dem Studium des Gründers in New York. Die beiden Schwestern Hsien-Chen und Shen-Chen Chang aus Taipei waren aktiv an der Gründung des Bellevue mitbeteiligt. Die erste arbeitet, nach einer Zeit in Hong-Kong, jetzt in Shanghai für Film-Produktions-Gesellschaften von Sir Francis Coppola u.a.. Zu den Filmfestspielen ist sie regelmäßig in Berlin. Die zweite ist bildende Künstlerin, experimentiert mit „Fusion-Cuisine“ und hat gerade ein Buch über Wein publiziert. „So klein ist die Welt“ könnte man sagen, und in diesem speziellen Mikrokosmos von Kunst + Kultur zwischen den Ländern und zwischen den Welten spielt das kleine Bellevue seine eigene Rolle. Kreise öffnen sich und schließen sich wieder.
In den 16 Jahren seiner Existenz gab es eine amerikanische, eine intellektuell-angehauchte deutsch-deutsche und eine russisch-osteuropäische Phase. Die Phase der Zukunft wird die Süd-Asiatische sein.
In der Stadt Berlin liegt das Bellevue immer noch versteckt genug, um ein Geheimtipp zu bleiben – und dennoch zentral mitten in der City, zwischen den Zentren von Ost und West, denn zum „Zoo“ ist es nur eine Station mit der U-Bahn, und zur Friedrichstrasse sind es drei Stationen mit der S-Bahn. Wissende Stammgäste, darunter auch Politiker und Diplomaten, geben dem intimen Rahmen oft den Vorzug gegenüber der sterilen Perfektion der 5-Sterne-Häuser.
Sehr geehrte Leserinnen und Leser, |
Senden Sie E-Mails immer an:
NewsBellevue@aol.com
|