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Bellevue

Die Geschichte eines Berliner Salons

Entlang der Bahnlinie Paris-Moskau lag im Parterre eines der wenigen erhaltenen Bürgerhäuser des alten Hansa-Viertels das Salon-Theater Bellevue. 

Das Hansa-Viertel war in seiner Blütezeit um 1900 eine der besten Wohnlagen Berlins – mitten im Grünen, und doch zentral in der City. Von den Bomben des 2. Weltkriegs wurden nur 20 Häuser des Prachtviertels verschont. In einem davon befand sich das Bellevue. 

Das Haus strahlte einen leicht morbiden Charme aus. In der ursprünglichen wilhelminischen Fassade sah man noch die Einschusslöcher aus den letzten Tagen der Schlacht um Berlin.

Im selben Haus wohnte als junger Mann zur Untermiete der Student Wladimir Iljitsch Lenin. In der Strasse wohnte eine ganze Reihe von (Un)berühmtheiten jeglicher Couleur.

Von der Synagoge am westlichen Ende zeugt nur noch eine unscheinbare Gedenktafel. 
Das Bellevue könnte eine der Kabarett-Bühnen gewesen sein, wie sie Christopher Isherwood in seinen „Berlin-Stories“ beschrieb, die als Vorlage für das Musical „Cabaret“ mit

Liza Minelli dienten: „Willkommen, bienvenue, welcome – im Bellevue, im Bellevue, im Bellevue!“  

Das Bellevue präsentierte an fast allen Abenden der Woche ganzjährig unkonventionelle Abendunterhaltung mit exzellenten Künstlern aus aller Welt: Kabarett, Theater, Liederabende, Tanz und Kammerkonzerte. Am Wochenende gab es um 16.00 Uhr Kindertheater: Puppenspiel, Marionetten-Theater, Schatten-Theater – meistens basierend auf den Märchenklassikern.   

Anläßlich 15 Jahren Präsenz in Berlin wurde 2004 ein ungewöhnlicher Berlin-Abend mit der Interpretin Eva Meier, Hongkong/Berlin, begleitet von dem brillianten jungen Pianisten Paul Cibis, London, arrangiert: „L´Heure Bleue“. Der Abend liess für zwei Stunden die Atmosphäre der Kleinkunst-Bühnen des Berlins der 20- er bis 40- er Jahre zu neuem Leben erwachen – in oftmals erschreckend aktuellen Liedtexten mit Musik von Spolianski und Hollaender – entstanden vor der Emigration und während der Emigration aus Deutschland, ausserdem mit Texten von Ivan Goll, Sarah Kirsch, Enzensberger und Wondraschek, die Peer Raben, der die Musik zu den meisten Fassbinder-Filmen schrieb, eigens für Eva Meier vertont hatte.  

So individuell wie „L´Heure Bleue“ war die ganze Institution Bellevue, die etwas erahnen liess von den musikalischen und literarischen Salons Berlins der letzten beiden Jahrhunderte. Die Mischung aus Literatur und Musik, gewürzt mit einem Hauch von „Bohéme“ und „Laissez Faire“ zog interessante Künstler wie Gäste aus aller Welt magisch an.

 Die Bar (und auch Toilettenwände und – türen) waren handbemalt von dem dänischen Maler
Vagn Groth aus Kopenhagen – gegen Speis und (hauptsächlich) Trank. An allen Wänden hing originale Kunst von Künstlern, die im Bellevue ausstellten oder zu Gast waren, ebenso signierte Fotografien von prominenten Gästen. Zu jenen gehörte z.B. die Eislaufkünstlerin Katharina Witt, die im kleinen Gewölbe des Bellevue diskret in Begleitung Champagner nippte.
 
Wim Wenders trank einen Sommer lang während Dreharbeiten abends gerne Rotwein vor dem Haus, und die stellvertretende indische Ministerpräsidentin einen Cappuccino, um die letzten warmen Sonnenstrahlen des Septembers 2003 zu geniessen und damit das Protokoll für ein halbes Stündchen zu unterbrechen ( und die Sperrung der Straße zu verlängern).

Vor dem Haus wurden Filmszenen gedreht (Senta Berger fand den Milchcafé „einfach himmlisch“), und auch im Bellevue selbst wurde gefilmt, u.a. unter der Regie von Derek Jarman. 

50. mal tagte der „Berliner Geschichtsalon“, eine Gruppe von Historikern der Freien Universität Berlin, der Humboldt-Universität und der Universität Leipzig – allesamt Chaos-Forscher und Katastrophisten im Bellevue. 

Auch ausländische Vertretungen fanden die Atmosphäre charmant, die argentinische Botschaft förderte Tango-Chansonabende, die indische Botschaft Kunstausstellungen und die Belgier in Berlin kamen zum Belgischen Clubabend mit kulinarischen Genüssen, während ein französischer Club lieber Politik diskutierte.

 

Die Berliner SPD mietete die Galerie für ein eigenes Politkabaret und die FDP für Wahlkampfauftritte von Guido Westerwelle. Sogar das Finanzamt war Gast: in Form des politischen Kabaretts “Die Prioritäter”, gegründet und geleitet von  Finanzbeamten, die nach den Berlin Premieren auf Deutschlandgastspielreise gingen. Die Prioritäter waren so bissig –kritisch (und daher immer ausverkauft), dass sie einmal von höchster Stelle Tourneeverbot bekamen. Leider war die gerichtliche Verfügung erst rechtswirksam einen Tag nach Ende der Tournee. Wissende Stammgäste, darunter Politiker und Diplomaten, gaben dem intimen Rahmen des Bellevue oft den Vorzug gegenüber dem oft sterilen Rahmen der Räume der 5 – Sterne – Hotels. 

Das Salontheater selbst war ein Sprungbrett für junge, noch nicht so bekannte, aber vielversprechende Künstler. Die Gruppe „Rosenstolz“, nun avanciert zu deutschen Superstars, hatte ebenso wie die „17 Hippies“ ihre ersten Auftritte im Bellevue und wurden dort entdeckt. Die unvergessene Evelyn Künnecke machte das Bellevue für anderthalb Jahre zu ihrem neuen „Stammquartier“ und hatte dort ihr letztes öffentliches Konzert.  

Der Gründer des Bellevue, Andreas Weigelt, hatte die Räume kurz vor der Öffnung der Berliner Mauer als Probenräume für Theater und Tanz gemietet. Kurz zuvor hatte der Fulbright-Stipendiat sein Studium der Theaterwissenschaften und Regie am Experimental Theatre Wing der New York University abgeschlossen, sich als neue Wahlheimat Berlin erkoren, und gleich eine Anzahl Klassenkameradinnen mitgebracht. Von denen blieb Gail Tufts „for good“ in der Stadt und macht seither Furore im „Tippi“ der Bar jeder Vernunft. Zur alten Wahlheimat New York gab es und gibt es immer noch die besten Kontakte.  

Dr. Maria Ley-Piscator, die Witwe des Theaterregisseurs Erwin Piscator, selbst Tänzerin 
und Mitbegründerin einer Schauspielschule, aus der Schauspieler wie Marlon Brando hervorgingen, war die offizielle Schirmherrin des Bellevue. Über sie entstand eine Freundschaft zu Judith Malina, Mitbegründerin des „Living Theatre“, die persönlich mit Mitgliedern des Ensembles in den 90-er Jahren im Bellevue in Vorträgen über die Arbeit 
des weltberühmten Aktionstheaters berichtete und den Film „Living heißt leben“ zeigte 
(auf einem von Rosa von Praunheim geliehenen Projektor). “Living” kommt aber auch von „Living Room“, was soviel heißt wie „Wohnzimmer“, oder eben: „Salon“. 

Tatsächlich entstanden die bahnbrechenden Theaterexperimente des „Living Theatre“ erst einmal im Wohnzimmer, in diesem Falle war es in der großen Wohnung des verstorbenen Theatergründers Julian Beck in der Upper West-Side New Yorks. Noch eine New Yorker Institution hatte ihren Anbeginn im Wohnzimmer: Das große „La Mama“ wurde geboren im Wohnzimmer seiner Begründerin Ellen Stuart. Auch sie und ihre Arbeit inspirierten den Gründer in Berlin. 

Das „Wohnzimmer“- Konzept war für das Berliner Bellevue naheliegend. Auch hier wurden Ideen geschmiedet und Projekte entwickelt, die weit über den Rahmen der ursprünglichen Räumlichkeiten hinausgingen und oft über Kooperationen verwirklicht wurden, z.B. in der Anfangszeit mit der Akademie der Künste zu Berlin,  mit dem Haus der Kulturen der Welt, dem Museum für Indische Kunst, dem Ethnologischen Museum oder den Asien-Pazifik-Wochen, veranstaltet durch die Senatskanzlei. 

Zum 10-jährigen Jubiläum verlieh der Bezirk Tiergarten dem Bellevue-Gründer die silberne Ehrennadel für besondere Verdienste im kulturellen Bereich. In den Jahren davor ward diese Ehre der Gründerin des Tempodroms und dem Gründer des Grips-Theaters zu Teil. 

Außer nach  New York gab und gibt es Kontakte und regen Austausch mit St. Petersburg und Moskau in Russland und mit Süd-Asien: Indien, Sri Lanka, aber auch China – sowohl „Mainland China“ als auch Taiwan. Tatsächlich existiert die „China – Connection“ schon seit dem Gründungsjahr 1989 bzw. seit dem Studium des Gründers in New York.  Die beiden Schwestern Hsien-Chen und Shen-Chen Chang aus Taipei waren aktiv an der Gründung des Bellevue mitbeteiligt. Die erste arbeitet, nach einer Zeit in Hong-Kong, jetzt in Shanghai für Film-Produktions-Gesellschaften von Sir Francis Coppola u.a.. Zu den Filmfestspielen ist sie regelmäßig in Berlin. Die zweite ist bildende Künstlerin, experimentiert mit „Fusion-Cuisine“  und hat gerade ein Buch über Wein publiziert. 

Auf einem großen Künstlerfest mit dem Motto “Shanghai – Berlin 1920”, das in der Tiergartener Wohnung gegeben wurde, auf dem auch “Die toten Hosen” vorbeischauten, wurde die Idee für das “Bellevue” geboren Dieses stand zu jener Zeit noch leer, wenn man von den Frettchen absah, die dort ein verschrobener Malernachbar züchtete.  

„So klein ist die Welt“ könnte man sagen, und in diesem speziellen Mikrokosmos von Kunst + Kultur zwischen den Ländern und zwischen den Welten spielte das kleine Bellevue seine eigene Rolle. 

Die Kreise öffneten sich und schloßen sich wieder. In den zwanzig Jahren seiner Existenz gab es eine amerikanische, eine intellektuell-angehaucht deutsch-deutsche und eine russisch-osteuropäische Phase. In der Stadt Berlin lag das Bellevue, versteckt genug, um ein Geheimtipp zu bleiben zwischen den Zentren von Ost und West. 2007 gab es die letzte Veranstaltung im Bellevue. Ein Tribut an den Komponisten Hollaender, auf Initiative von Melody Hollaender aus Los Angeles. Der Abend war verbunden mit einem Familientreffen der Familien Hollaender aus aller Welt. Berlins Chansonszene ging noch einmal ein und aus mit vielen Ständchen. Danach fiel der Vorhang in der Flensburger Straße für immer.

 Vom Bellevue betreute Künstler treten seither an verschiedenen Standorten in Berlin auf.

Die Galerie Bellevue und die Künstleragentur Bellevue haben z.Z. ihren Sitz in der
Reinhardtstr. 16, 10117 Berlin. 

Im Zusammenhang mit dem Bellevue war von Anfang an auch der gemeinnützige Verein “Bellevue e.V.” , Berlin, gegründet worden. Dieser Verein besteht weiterhin, hat aber seinen

Hauptsitz z.Z. nach Görlitz verlegt. Seit drei Jahren arbeitet er an dem  Projekt “Heimat ohne Grenzen”.  

In Görlitz wird ein neuer “Heimat Salon” entstehen in Kooperation mit dem “Schlesischen Museum” mit weiteren Initiativen in Zgorzelec, Bautzen, Jelenia Gora, Boleslawiec und Zittau.


Ihr Bellevue Team.

 

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