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Von den Strassen Chennais nach Berlin

.: english version :.

 

Sechzig Jahre lang ragten die handgemalten Kino-Plakate des indischen Subkontinents in den Himmel hinein. Sie beherrschten die Skyline der großen Städte. Sie dominierten die ohnehin schon überfüllten und von quirligem Leben erfüllten Strassen mit den Ebenbildern populärer Filmhelden und – Heldinnen, deren riesige, ausgeschnittene Umrisse die Betrachter förmlich aus dem Horizont heraus ansprangen. Eine geballte Ansammlung solcher Plakate fand sich bevorzugt an wichtigen Straßenkreuzungen. Die Plakate sprachen ein Publikum an, das verrückt war nach Filmen, und sie erreichten dieses Ziel mit Hilfe knallbunter und glamouröser Abbilder der neuesten Helden des Tages, in göttergleichen Rollen und Situationen.

 

In Südindien, und vor allem in Chennai (Madras), der Hauptstadt des südindischen Staates Tamil Nadu mit seiner pulsierenden Filmindustrie, verschwamm die Grenzlinie zwischen Religion und populärem Kino immer mehr. Kinohelden spielten die Rolle der Götter. Und diese Götter entpuppten sich als Politiker und Anführer riesiger, politisch motivierter Volksmassen. Zu Anbeginn eines jeden Wahlkampfes im Süden, und selbst vor wichtigen gesellschaftlichen und kulturellen Ereignissen, die beispielsweise einen Schauspieler mit dessen „Fan Club“ zusammenbrachten,   kamen die „Billboards“. In der Blütezeit der Billboard-Malerei, den 70-er und 80-er Jahren, konnte ein zum Politiker gewordener Schauspieler sicher sein, hunderten riesiger Abbilder seiner selbst in der Stadt zu begegnen.

 

Das war einmal und ist nicht mehr. Seitdem es die elektronischen Medien gibt und selbst die kleinsten Städte und entlegensten Dörfer Fernsehempfang haben, kann man einen rapiden Rückgang des Mediums Billboard beobachten. Vor allem in der Filmindustrie hat der Gebrauch von Vinylplakaten und digitaler Vergrößerungen als Werbemittel für die neuesten Filme den Gebrauch der handgemalten Plakate und aus Sperrholz von Hand ausgesägten Riesenfiguren fast vollständig verdrängt.

 

Fast über Nacht mussten die Billboard Maler erkennen, dass ihre Dienste nicht mehr gefragt waren. Vor allem in Chennai, wo aufgrund der harten Konkurrenz die erstaunlichsten und kunstvollsten Plakatgebilde entstanden waren. Alles, was den Malern blieb, waren kleine Aufträge  wie das Malen von Schildern wie z. B  „Haus zu vermieten“, oder das Bemalen von Hauswänden mit neuer Farbe.

 

Die besten Maler Chennais  gibt es noch in der Gegend der gigantischen Filmfabriken, genannt: „Kollywood“ oder Kodambakkam, wo sie ihr Talent einsetzen, um die Illusionen der Kinokunst, wie von den Filmregisseuren verlangt, zu schaffen. Viele haben schlagartig ihre Existenzgrundlage verloren.

 

Es gibt eine interessante Verbindung, die Deutschland mit den Billboard-Malern in Zusammenhang bringt.

 

Als in Indien die ersten lithografischen Druckmaschinen eingeführt wurden, führte dies zu einer Überschwemmung des Marktes mit populären deutschen Oleografien oder Hochglanzdrucken. Diese wurden für viele indische Künstler zu Prototypen, die sie imitierten, als sie mit der Ölmalerei begannen, die bis dato unbekannt war. Der berühmteste darunter war der Prinz und Künstler Raja Ravi Varma aus Kerala in Südindien.  Er war so erfolgreich, dass er eine deutsche Druckerei in der Nähe von Mumbai (Bombay) gründete, mit deutschen Lithographie-Experten und Technikern, welche die Druckerei betrieben, um Reproduktionen von Hindu Göttern und Göttinnen für die sich neu bildende Mittelschicht herzustellen. Diese Drucke wurden so berühmt, dass ihr Einfluss noch bis zum heutigen Tage, vor allem in der Volkskunst, zu beobachten ist. Das Kuriose an diesen „Götterbildern“, vergleichbar den gedruckten Heiligenbildern in vielen deutschen Stuben zur selben Zeit war das folgende: in sehr vielen Fällen wurden, aus welchen Gründen auch immer, typisch deutsche Landschaften als Hintergründe und Spielwiese für die indischen Götter genommen. Beispielsweise baden nun indische Gottheiten im Rhein und tummeln sich auf dem Felsen der Loreley.

 

Das Projekt „Fluss des Lebens“ („River of Life“) ist eine Kooperation, in der die Künste einer kleinen Gruppe von Billboard Malern aus den Strassen Chennais erstmalig während der Asien Pazifik Wochen 2003 in Berlin vorgestellt wurden. Die Kooperation existiert bis zum heutigen Tage.

 

Das Projekt kam durch die Interaktion von vier Partnern zustande:

Andreas Weigelt, künstlerischer Leiter des „Bellevue“ in Berlin war schon seit den Anfangszeiten dieser privaten, multikulturellen Kunstinstitution (1989), immer bestrebt, unterschiedliche und interdisziplinäre künstlerische Standpunkte zusammen zu bringen, um einen kreativen Dialog entstehen zu lassen. Auf sein Betreiben wurden zeitgenössische Künstler aus dem Süden Indiens erstmals einem Berliner und deutschen Publikum präsentiert, u.a. im Museum für Indische Kunst. Während eines Studienaufenthaltes in Chennai in Südindien in den späten 90-er Jahren lernte er die Kunstkritikerin Geeta Doctor kennen, deren besonderes Interesse der „Street Art“ gilt. Andreas Weigelt begeisterte sich für die Idee, in Berlin eine Möglichkeit zu schaffen, die Billboard Maler von Chennai in einen ganz anderen kulturellen Kontext zu bringen. Bereits während seiner Studentenjahre in New York dokumentierte er die Arbeit von Plakatkünstlern in New York. Nach über einem Jahrzehnt in Berlin, mit seiner nicht minder aufregenden Geschichte von Mauermalerei, erlag er der völlig neuartigen Faszination, die von der Strassenkunst Südindiens ausging. Tatsächlich gelang es ihm, mit seiner Begeisterung Sponsoren zu gewinnen, um das Projekt in Berlin stattfinden zu lassen. Komplizierter als erwartet gestaltete sich die Suche nach geeigneten „locations“ in der Hauptstadt, ganz zu schweigen von den bürokratischen Hürden, die zu überwinden waren, um die Genehmigung zu erhalten, die indische Strassenkunst  - etwa 30 Billboards - so gut wie möglich an wichtigen öffentlichen Plätzen präsentieren zu können.

 

In Chennai, Indien, wurde Weigelt dem gefeierten „Art Director“ des südindischen Films, Thota Tharani, vorgestellt, der gleichzeitig ein bekannter Maler ist. Tharani erklärte sich einverstanden, die Schlüsselrolle zu spielen in der Entwicklung der Bildinhalte für die Billboards. An dieser Stelle muss betont werden, dass die Plakatmaler trotz technischer Raffinesse ohne die Vorstellungskraft und Inspiration eines kreativen „Art Directors“ verloren wären.

 

In Chennai traf Weigelt auf Ashvin Rajagopalan, der, ebenfalls in New York,  Schmuck Design studiert hatte, und gerade erfolgreich sein eigenes Kunstzentrum, Ashvita, mit einem „Bellevue“- ähnlichen Konzept im Stadtteil Mylapore von Chennai eröffnet hatte. Er wurde zum Koordinator zwischen Thota Tharani und seiner Mannschaft von Billboard Malern, und organisierte auf der indischen Seite die Produktion und den Transport.

 

Geeta Doctor entwickelte das thematische Konzept des „Flusses des Lebens“. 

Dies war das erste Mal, dass ein Austausch städtepartnerschaftlicher  Art zwischen zwei privaten Kulturinstitutionen stattfand. Der Dialog hält an und entwickelt sich.

 

 

2004 wurde das Team von der Agentur Jung v. Matt beauftragt, handgemalte Bildhintergründe für eine Kampagne der Bank Austria in Wien herzustellen.

Ebenfalls im Sommer 2004 wurde das Team in die Schweiz eingeladen. Das internationale Theaterfestival „Belluard Bollwerk International“ der Stadt Fribourg gab den Auftrag, statt der ursprünglich vorgesehenen Plakatierungskampagne lediglich ein einziges Riesenplakat, komplett mit „cut outs“ mitten in der Stadt als Event malen zu lassen. Die Rechnung ging voll auf und sorgte eine Woche lang für Publicity.

 

Das Billboard Projekt „River of Life“ versucht, eine Verbindung zwischen zwei äußerst unterschiedlichen Kulturen herzustellen und durch das Medium der Volkskunst, der zeitgenössischen Kunst und vor allem der Initiative der Künstler, die den „Fluss des Lebens“ geschaffen haben, einen Beitrag zu leisten, eine Brücke zwischen den beiden Völkern zu schlagen.

 

2005 übernahm Andreas Weigelt den Job des „Art Director“, weil der bisherige nicht verfügbar war. So konnte in Zusammenarbeit mit Ashvin Rajagopalan mit neuen Ideen experimentiert werden. Der Yogakünstler Krishnaswami, gleichzeitig abstrakter Maler, schaffte im Rahmen einer Performance den Hintergrund für das Billboard

Nr. 10 (Buddha) und entwarf den Hintergrund für Nr. 9 (Tagore + Einstein). Der Maler Shailesh entwarf die Billboards Nr. 11 (Art is an Investment) und Nr. 16 (Ein Fest für die Sinne).

 

Es sind in Deutschland diverse Folgeprojekte geplant. 2006 sollen die Billboards nach New Delhi zurück geschickt werden, wo mit Unterstützung der Deutschen Botschaft ein Ausstellungsprojekt anlässlich des 50-jährigen Jubiläums der indisch-deutschen Handelskammer geplant ist.

 

 

From the Streets of Chennai to Berlin


For sixty years the hand-painted cinema billboards of the Indian 
sub-continent stood tall. They dominated the skyline of the major cities. They defined the already crowded and lively street life with their dramatic re-creations of popular film heroes and heroines in giant cut-outs that sprang out of the horizon. 
These were often clustered around important traffic junctions. They catered to a film-mad public by re-producing multi- coloured and glamorous images of the highly revered heroes of the day in messianic roles or situations.

In South India in particular, at Chennai, the capital of the South Indian 
State of Tamil Nadu, which has a vigorous film industry, the line between 
religion and popular cinema is often blurred. Cinema heroes play the role of Gods. From playing Gods they become politicians and leaders of vast politically motivated crowds. Every election campaign in the South, or important social and cultural occasion that could bring together an actor and his “Fan Club” is pre-ceded by the images created by the billboard painters. In the heyday of the billboard painters, in the ‘70s and ‘80s, an actor turned politician, could expect to see more than a hundred towering images of himself (or herself) across the City.

 

Not any more. With the coming of the electronic media and the availability of television images in even the smallest towns and villages, the use of billboards to advertise film heroes and political leaders has dropped significantly. In the film industry in particular the use of vinyl and digitally enhanced images to promote the latest film has overtaken the traditional method of hand-painted, hand-cut plywood images.
Almost overnight, the billboard painters find that their skills are no 
longer in vogue. In Chennai in particular where the billboard painters had 
acquired the most stunning range of skills due to the intense competition 
that used to exist between them, the painters are now reduced to painting “House To-Let” signs, or even worse to work as ordinary house-painters.

The best are still around at the giant film sets in the area known as Kollywood or Kodambakkam in Chennai where they use their skills to create the illusions of movie-magic required by their directors. For many of them, their livelihood is gone.

There is a faint but interesting connection that links Germany with the 
Billboard painters. When the first lithographic printing presses were established in India in the l9th century, the market was flooded with popular German oleographs, or glossy prints. These became the prototypes for Indian artists to imitate when the started painting in oils. The most famous of them was the Artist Prince from Kerala, Raja Ravi Varma. He was so successful that he set up a German Printing Press near Mumbai, with German lithographers and technicians to run the press and reproduce his oil paintings of Hindu Gods and Goddesses for the new Indian middle class.. These prints became so famous that their influence continues to this day, particularly in the realm of popular artistic expression. It is interesting, that for whatever reasons typically German Landscapes were more often than not used as backgrounds and playgrounds for the Indian gods and goddesses – such as the river Rhine complete with Loreley.

 

The “River of Life” is a collaborative project that showcased the skills 
of a small group of billboard painters from the streets of Chennai to Berlin 
during the Asia Pacific Weeks, at Berlin, Germany for the first time in August 2003.


It was created by the inter-action of four key persons. Andreas Weigelt the Director of Bellevue a multi-cultural center for the arts, at Berlin has always been involved in bringing diverse artistic viewpoints together in a creative dialogue. He has been instrumental in promoting and exhibiting the work of contemporary artists from South India. It was during the course of a visit to Chennai in South India in the late ‘90s that he met Geeta Doctor, a journalist with a special interest in Street Art. He was instantly interested in the idea of creating a venue for the display and exhibition of the Billboard painters of Chennai, at Berlin. During his student years in New York, Weigelt had already recorded the work of the poster painters of New York. Living in Berlin, with its dramatic history of wall painting, Weigelt could not help but be struck by the completely new expressions of street art in South India.

 

When an opportunity presented itself to plan an exhibition of the Billboard Painters of Chennai, during the Asia Pacific fortnight, at Berlin, Weigelt immediately seized upon it.

First he had to persuade the sponsors to raise enough money to support such a venture. Then he had to find suitable locations for the display of the Billboards and get the permission to use important public spaces in the City of Berlin to showcase the artwork in the best way possible. He was able to get an initial space for the display of 30 Billboards.

In India, at Chennai, Weigelt was introduced to Thota Tharani a well known artist and celebrated art director in the South Indian film world who agreed to be the key person behind the actual creation of the images. It cannot be emphasized enough that without the over-all inspiration and imagination of a creative director, the painters themselves do not seem to be able to produce any images by themselves.

Weigelt also met Ashvin Rajagopalan the owner of Ashvita, a center for the arts who is also a jewelry designer who has been trained in New York. Rajagopalan readily agreed to be the co-ordinator between the Thota Tharani and his group of billboard painters besides organizing the actual production and transportation involved in the project. Geeta Doctor has created the concept for the “River of Life’ show. 

This was the first time that an exchange of this kind took place between two private galleries. In creating a bridge between the people of Germany and India through the medium of popular art, contemporary art and most important of all the artists who have created them, the “River of Life”, Bill Board Project is an important link between two very different cultures.The dialogue continues. In 2004 the team was asked by the German agency Jung v. Matt to create the handpainted backgrounds for an Advertisement campaign of Bank Austria in Vienna.

In the same summer, they were invited to Switzerland to create just one giant billboard for the International Theatrefestival “Belluard Bollwerk International” in Fribourg – instead of the usual postering campaign. In 2005 AndreasWeigelt had to take over the job of the art director, because the original one was not available. This opened, however, the opportunity to experiment with new ideas for billboardpainting  in cooperation with Ashvin Rajagopalan and the Chennai based artists Krsihnaswami and Shailesh. Follow up exhibitions of the Billboard Show on Potsdamer Platz (which can be visited until Oct 19th, 2005) are planned throughout 2006. The project is planned to return to India and New Delhi, where with the support of the German Embassy an exhibition project  is planned to honor the 50th anniversary of the Indo-German Chamber of Commerce.

 

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Stand: 20. Dezember 2005